Christian-Geissler-Gesellschaft e.V.

»Anfrage« – Neuausgabe in Vorbereitung

Zur Neuausgabe im Rahmen der Werkausgabe

Mit einem Nachwort von Detlef Grumbach

Vorzugsausgabe:
mit einer Lithographie von Anke Feuchtenberger
30 Exemplare, nummeriert und signiert

Verbrecher Verlag, Frühjahr 2023

Ein Debüt wie ein Paukenschlag

Christian Geisslers Roman »Anfrage« erschien 1960 im Claassen-Verlag, wurde in neun Sprachen übersetzt, in einer Lizenzausgabe des Aufbau-Verlags in der DDR gedruckt und vom NDR als Fernsehspiel adaptiert. Mit einem Paukenschlag war Christian Geissler zu einem gefragten Autor geworden und stand zugleich – mit der Arbeit am Drehbuch für »Anfrage« – am Anfang seiner intensiven Zusammenarbeit mit der Abteilung Fernsehspiel des NDR und deren Leiter Egon Monk. Er gewann Kontakte zur Friedensbewegung, zu den Verfolgten des Nationalsozialismus, in die DDR und entwickelte sich zum politischen Aktivisten. Im Gespräch mit Pieter Bassen resümiert Geissler gut vierzig Jahre später: „Wenn man über das Moralische des Antifaschismus hinauswill in einen anwendbaren Antifaschismus, kommt man auf Marx.“

Politische Konsequenzen Holocaust und Krieg?

„Anfrage“ ist ein Buch gegen Faschismus und Krieg, gegen Antisemitismus und Judenmord, gegen das Vergessen und für die Übernahme von Verantwortung durch das Individuum. Es geht dem Autor um die Aufarbeitung der Geschichte und dass aus den Verbrechen der Nazis endlich grundlegende Konsequenzen gezogen werden. Ausgangspunkt des Romans ist, dass der junge Physiker Klaus Köhler erfährt, dass im Haus des Instituts früher mal Juden gewohnt haben. In einer Atmosphäre des Vergessens und Totschweigens der NS-Vergangenheit und der Präsenz alter Nazis, die schon wieder an den Schaltstellen der Gesellschaft sitzen, beginnt er seine Nachforschungen zum Schicksal der Familie Valentin. Parallel dazu setzt er sich mit seinem Kollegen Steinhoff auseinander, der mit der DDR sympathisiert und für den ein Einzelschicksal wenig gilt. Am Ende kommt noch Mr Weismantel, ein entfernter Verwandter der Familie Valentin aus den USA zu Besuch, doch der von ihm erwarteten Rolle als Ankläger und Richter der Deutschen entzieht er sich.

Ein großer Literat kündigt sich an

Erstaunlich für ein literarisches Debüt sind Passagen großartiger Erzählkunst wie gleich zu Beginn des Romans, wenn Köhler durch die Stadt spaziert, in der Gaststätte zu Abend isst und äußere Eindrücke und seine innere Gedankenwelt zu einem komplexen Bild der Zeit verschmelzen. Wolfgang Koeppens »Tauben im Gras« lassen grüßen. Große Intensität erreicht Geissler in den Passagen, in denen sich Köhlers Kollege Steinhoff an den Zynismus erinnert, mit dem Hitlers letztes Aufgebot bei Kriegsende verheizt wurde und er sein Bein verlor. Oder in der Lebensbeichte des nicht-jüdischen Gärtners Mollwitz, der seit 1923 ein enger Vertrauter der Valentins war und schließlich 1941 die Deportation der Familie erlebt hat. Unter die Haut gehen auch Passagen wie die Erinnerung an die Reaktionen, die der Absturz eines feindlichen Fliegers oder die Fotos von der Ermordung griechischen Partisanen auslösen. Pointiert und mit zahlreichen Überraschungseffekten entwickelt Geissler schon in »Anfrage« die Technik des Dialogs, besonders in Köhlers Gesprächen mit Steinhoff oder Weismantel, aber auch in der kleinen, auf Situationskomik setzenden Szene mit Steinhoffs Hund und dem Eisernen Kreuz.

Schon in seinem ersten Roman entwickelt Geissler die literarische Technik, die auch seine späteren Werke auszeichnen soll: Er unterfüttert die durch Erfahrung gesättigte Fiktion mit nachgewiesenen zeitgeschichtlichen Fakten, Zitaten und Dokumenten. Geissler bedient sich der nachprüfbaren Realität, wenn er einzelne Verbrechen von Gestapo, Wehrmacht und SS sowie alte Nazis in neuer Funktion konkret benennt und seine fiktionale Erzählung im Anhang mit Quellenangaben belegt. Gelegentlich droht das Verfahren in seinem Debüt noch die literarische Form zu sprengen, auf jeden Fall spürt man damals wie heute den Rochus des Autors. „Anfrage“ ist ein ungestümes Debüt – und das verleiht dem Roman seine außergewöhnliche Wucht.

Die Verantwortung des Einzelnen

In der Rahmenhandlung, mit der Christian Geissler die Geschichte Klaus Köhlers umgibt, lehnt ein wegen NS-Verbrechen vor Gericht stehender Vater das Angebot des Gerichts ab, sich auf Unzurechnungsfähigkeit rauszureden, und erklärt: „Ich habe einen Sohn. Es ist besser für einen Sohn, er hat einen schuldigen Vater, der seine Schuld kennt, als er hat einen nicht zurechnungsfähigen Vater.“ Damit macht Geissler seinen Anspruch und die Bedingungen deutlich, unter denen sich die Verhältnisse ändern könnten: Einsicht in Schuld und Wahrnehmung von Verantwortung des Einzelnen. Beides verlangt Geissler von der Täter-Generation der Väter, die Übernahme von Verantwortung aber auch von den Söhnen. Klaus Köhler fordert von jedem Einzelnen, in rigoroser Weise vor allem von sich selbst, dass er lernen, wissen und begreifen soll, was geschehen ist, Verantwortung übernimmt und falsches Denken korrigiert.

Diese Forderung nach der Verantwortung des Einzelnen sollte ein zentrales Thema in Geisslers Schaffen bleiben. Für den Kommunisten, zu dem er sich Mitte der 1960er Jahre entwickelt hat, lag darin durchaus eine Herausforderung. Wo immer Partei und Staat oder das kämpfende Kollektiv die Wahrheit, das Recht und die letzte Entscheidung für sich beanspruchen, bleibt der Einzelne, der in eigener Verantwortung handelt und dafür geradesteht, leicht auf der Strecke. Geisslers Trilogie des Widerstands, die drei Romane »Das Brot mit der Feile« (1973), »Wird Zeit, dass wir leben. Geschichte einer exemplarischen Aktion« (1976) und »kamalatta. romantisches fragment« (1988) erzählen auch davon.

Marcel Reich-Ranicki, Ralph Giordano und andere über „Anfrage“

Marcel Reich-Ranicki sah in dem Buch den lang ersehnten „Schrei des Schmerzes und der Verzweiflung, der Schande und der Empörung. […] Dieses Buch ist leidenschaftlich und rücksichtslos, radikal und aggressiv, zornig und hemmungslos. Und es ist gleichzeitig unreif, oft sehr naiv, unbeholfen, mitunter sentimental und melodramatisch. […] Ein heiserer Schrei, gewiß, doch ein erschütternder Schrei, dessen Ehrlichkeit nicht bezweifelt werden kann.“

Ralph Giordano bezeichnet den Roman als ein Buch, „das um sich beißt, kratzt, schlägt, faucht und sticht. […] viel übler als ihre politische Ignoranz und moralische Indifferenz unter Hitler nimmt er den ›Vätern‹ ihre Haltung danach, diese Unfähigkeit, dieses Nichtwollen und wohl auch Nichtkönnen.“ Paul Schallück nannte es „eine Kampfschrift aus der Empörung und Ehrlichkeit des Herzens“. Gerade solche Besprechungen sorgten dafür, dass der Roman auch über die literarisch interessierten bürgerlichen Kreise hinaus Beachtung fand.

»Anfrage« erlebte als Hardcover zwei Auflagen im Claassen Verlag und wurde 1961 in der DDR als Hardcover aufgelegt. Der Roman erschien 1964 als rororo-Taschenbuch und wurde 1978 in den rororo-Sammelband »Die Plage gegen den Stein« aufgenommen. 1996 erschien er erneut in der Reihe »Rotbuch-Bibliothek« im Rotbuch Verlag mit einem Nachwort von Thomas Rothschild.

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